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Die Versorgung demenzkranker Menschen aus der Sicht der Enquete-Kommission "Zukunft der Pflege" des Landtags NRW

Interview mit Ursula Monheim MdL
Mitglied des Landtags und
Stiftungsratsvorsitzende der Stiftung Wohlfahrtspflege

Wenn wir uns dieses sehr spezifische Projekt zur „Nebendiagnose Demenz im Krankenhaus“ anschauen –
vor welchem Hintergrund setzen Sie sich dafür ein?

Es mag wie ein sehr spezielles Thema wirken. Nur wenn Sie sich mit den Dimensionen des Themas Demenz befassen, dann wird das Ausmaß auch für die Krankenhäuser klar: Demenzielle Erkrankungen sind hauptverantwortliche Faktoren für den Pflegebedarf im Alter. Heute sind in der Pflegestufe II ca. 50 Prozent und in der Pflegestufe III sogar 75 Prozent der Pflegebedürftigen von einer demenziellen Erkrankung betroffen. Bei über 65-jährigen Patienten im Krankenhaus sollen schon sieben Prozent die (Zusatz-)Diagnose Demenz haben. Da kann man sich vorstellen, wie diese Krankheit im Krankenhausbetrieb „stört“. Der Krankenhausalltag ist auf die besonderen Probleme und Bedarfslagen von Patienten mit Demenz nicht ausgerichtet. Das erschwert die Situation für die Erkrankten und die Pflegenden zusätzlich. Wie intensiv Menschen mit Demenz auf eine fremde Umgebung reagieren, erleben Angehörige immer wieder. Schon häufig habe ich erfahren, dass Angehörige von demenziell erkrankten Menschen kaum wagen, in Urlaub zu fahren, weil nach ihrer Abwesenheit der Kranke in einem noch wesentlich schwierigeren Zustand vorgefunden wird als zuvor.

Sie sind neben Ihrem Vorsitz im Stiftungsrat der Stiftung Wohlfahrtspflege auch Mitglied der NRW-Enquete-Kommission „Situation und Zukunft der Pflege“ gewesen. Welche Rolle spielte dort das Thema Demenz?

In der Enquete-Kommission gab es kaum einen Themenbereich, in dem die besonderen Belange von demenzerkrankten Menschen nicht mit im Fokus waren: ob es um den demografischen Wandel geht, um die Definition des Pflegebegriffes, um die Versorgung der Betroffenen, um ethische Aspekte in der Pflege oder um finanzielle Konsequenzen.
Wir haben gravierende Versorgungsdefizite in unterschiedlichen Bereichen festgestellt:

  • zu späte Diagnostik und Fehlbehandlung in der primarärztlichen Versorgung
  • fehlende Fachexpertise in der allgemeinen Krankenhausversorgung und zu geringe Vernetzung mit gerontopsychiatrischen Spezialeinrichtungen
  • „schlechte Lage älterer Patienten“ in gerontopsychiatrischen Zentren
  • unzureichende Versorgungsdichte und regional ungleichgewichtige Verteilung von gerontopsychiatrischen Tageskliniken
  • unzureichende Anpassung der stationären pflegerischen Versorgung
  • Versorgungsdefizite in der ambulanten Pflege
  • Qualitätsunterschiede in der pflegerischen Infrastruktur zwischen ländlichen und städtischen Regionen
  • unzureichende Qualifikation der mit der Betreuung befassten Berufsgruppen

Die Konsequenz ist so gut wie immer: Die Erkrankten sind mit vielen Problemen auf sich selbst gestellt oder auf ihre Angehörigen verwiesen.
Wir sind auf das, was auf unsere Gesellschaft zukommt, nicht wirklich vorbereitet. Die demografische Entwicklung wird durch gesellschaftspolitische und soziale Entwicklungen verschärft. Wir haben eine zunehmende Zahl von Single-Haushalten, weniger Kinder und hohe Mobilitätsanforderungen an junge Familien, die eben nicht automatisch “um die Ecke“ der Großeltern oder Eltern leben. Wir haben und unterstützen eine zunehmende Berufstätigkeit der Frauen, sodass man auf die alten Lösungen – die Töchter oder Ehefrauen leisten die Pflege zuhause – nicht mehr unbedingt setzen kann. Heute werden 70 Prozent aller Pflegebedürftigen in den Familien gepflegt, das wird nicht so bleiben.
Uns hat in der Enquete-Kommission darum als zentraler Punkt immer die Rolle der pflegenden Angehörigen beschäftigt. Bei Demenzerkrankten geht es um durchschnittlich bis zu neun Jahren Pflegezeit mit einem durchschnittlichen Pflegebedarf von sechs Stunden. Und in diesen neun Jahren verschärft sich die Situation immer weiter. Wir müssen pflegenden Angehörigen nahe bringen, dass es Hilfsangebote gibt und dass sie diese Hilfsangebote frühzeitig annehmen sollten und nicht warten, bis sie zusammenbrechen. Wir haben in der Enquete Kommission intensive Gespräche mit pflegenden Angehörigen geführt, da begegnet uns immer wieder das Bild des Hamsters im Laufrad, der 24 Stunden nicht heraus kommt und die Verantwortung hat, das Rad immer weiter am Laufen zu halten.
Angehörige brauchen Ermutigung, um sich rechtzeitig Unterstützung zu holen – und Ermutigung, die Erkrankung eines Angehörigen aus der Tabuzone herauszuholen.
Entstigmatisierung der Demenz ist ein ganz zentrales Anliegen der Enquete-Kommission – auch im Sinn eines frühzeitigen Hinguckens.

Was folgt daraus?

Wir müssen die Hindernisse abbauen, die Angehörige hindern, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen und wir müssen niederschwellige Unterstützungs- und Beratungsangebote für pflegende Angehörige vorantreiben. Wir können nicht davon ausgehen, dass wir die große Pflegeleistung in den Familien durch Professionelle ersetzen können. Das ist erstens nicht finanzierbar und zweitens: Woher nehmen wir die dafür benötigten Fachkräfte? Und ist das Berufsbild ausreichend attraktiv? Fachkräfte in der Pflege erfahren zu wenig gesellschaftliche Anerkennung, ihr Idealismus ist im Alltag schnell aufgebraucht, weil das, was sie tun wollten, nämlich Zeit zu haben, um sich den Menschen zuzuwenden, oft nicht realisierbar ist. Viele hören demotiviert auf oder resignieren.

Welche wichtigsten „Baustellen“ hat die Enquete-Kommission ausgemacht für das Thema Demenz?

Es gibt große Defizite in der Versorgungssituation, das betrifft sowohl die medizinische wie auch die pflegerische Versorgung. Mitverantwortlich für Mängel in der Pflege ist das im Pflegeversicherungsgesetz festgeschriebene Pflegeverständnis, das auf körperliche „Verrichtungen“ verengt ist. Uns ist ein Personen-zentriertes Pflegeverständnis ganz wichtig. Denn es geht immer um den Menschen. Und das heißt: Pflege braucht Zeit, um Beziehungen aufbauen zu können. Wir müssen dann auch den Begriff der Pflegebedürftigkeit neu fassen – und immer von den Bedürfnissen des betroffenen Menschen aus denken. Und wir müssen die Ausbildung stärker auf diese Situation hin ausrichten. Auch bei den Ärzten, in deren Ausbildung und Weiterbildung Demenz eine noch zu geringe Rolle spielt.

Aber eine Einstufung in eine Pflegestufe wegen Demenz geht nicht.

Das ist genau der Punkt: Die Pflege ist zu sehr auf die körperbezogenen Verrichtungen orientiert. Und all das, was an Betreuung und Begleitung, an Tagesstrukturierung nötig ist, wird nicht erfasst. Das ist von Anfang an ein Webfehler in der Pflegeversicherung. Man hatte zwar in Aussicht gestellt, dies zu ändern, aber angesichts der Dimension, die die Ausweitung der Pflege dann bekäme, würde es die ganze Versicherung sprengen, weil eine so unglaublich große Zahl dahinter steht. Wir haben jetzt die Diskussion um die Novellierung des Pflegeversicherungsgesetzes, aber ob dies befriedigend gelöst werden kann, da bin ich sehr skeptisch.

Was kann man dennoch ändern?

Die Ausgestaltung von Pflegeheimen zum Beispiel. Die Stiftung Wohlfahrtspflege hat dazu Modellvorhaben mit speziellen Wohngruppen für Menschen mit Demenz in Einrichtungen gefördert. Die Aufgabe der Versorgung liegt darin, für die Betroffenen ein geeignetes Wohn- und Lebensumfeld zu schaffen, das sich dem Krankheitsverlauf anpasst und die Erkrankten mit geeigneten Maßnahmen bei der Bewältigung ihrer Alltagsverrichtungen unterstützt. Der Umgang mit Demenzkranken gelingt besonders dann, wenn man ihn sehr individuell gestaltet, wenn man die Biografie, die Lebensumstände mit einbezieht, wenn man die Alltagskompetenz erhalten kann. Je familiärer der Rahmen ist, desto besser funktioniert es. Deswegen fangen auch die klassischen stationären Einrichtungen an, für ihre demenzerkrankten Bewohner/innen eigene Wohngruppen einzurichten, viel kleinteiliger strukturiert, mit Küchenzeilen, bei denen man die Menschen ins Alltagshandeln einbeziehen kann. Durch das Einbeziehen der Alltagskompetenz hat man quasi automatisch auch für Beschäftigung gesorgt, motorische Unruhe und Weglauftendenzen lassen nach. All dies geht besser in kleinen Einheiten - auch das Einbinden der Angehörigen, die sich dort oft besser angenommen fühlen als in großen Einrichtungen. Denn: Ohne die Angehörigen können Sie die enorm wichtige Biografiearbeit gar nicht leisten. Viele der Bewohner/innen sind ja nicht mehr in der Lage von sich aus Auskunft zu geben zu ihrer Lebensgeschichte.
Dass eine angemessene Betreuung und Pflege möglich ist, dass ein einfühlsamer und respektvoller Umgang mit dem Erkrankten viel zu seinem Wohlbefinden beiträgt, das beweisen Modellprojekte, die wir mit der Stiftung Wohlfahrtspflege gefördert haben – wo alle im Haus, vom Techniker bis zum Koch, ihr Verhalten komplett umgestellt haben: Plötzlich sind die Dementen keine Last mehr, sie sind einfach eingebunden. Und der Techniker wendet sich bei der Heizungsreparatur im Zimmer nicht mehr von dem „Verrückten“ ab und schweigt, sondern bietet dem Bewohner an, einfach mitzuhelfen. Es ist so simpel!

Das Projekt „Nebendiagnose Demenz“ wird zeigen, wie diese zusätzlichen Anforderungen auch im Krankenhaus bewältigt werden können – für eine patientenorientierte Versorgung der Demenzerkrankten.

Die Entwicklungen in der stationären Pflege hin zu mehr Individualität und Wohnlichkeit sind wegweisend für den Umgang mit demenziell erkrankten Menschen: die Gestaltung der Räume und Flure sowie die Bedeutung der Biografiearbeit und der Tagesstrukturierung. Und die Erfahrungen und Ergebnisse des Modellprojektes „Nebendiagnose Demenz“ bei diesem Prozess sind hilfreich und ermutigend auch für andere Krankenhäuser.

Das käme doch auch den anderen Patienten im Krankenhaus zugute, oder nicht?

Ja, wenn man sich beispielsweise überlegt, wie hoch die Zahl der über 65-jährigen Patienten im Krankenhaus ist, und diese Zahl wird steigen. Auch wenn man nicht von Demenz betroffen ist, so ist ein Krankenhausaufenthalt immer eine Ausnahmesituation, die viele verunsichert und Angst macht. Eine etwas "wärmere" Atmosphäre würde die Gesundung fördern.

Wie werden Sie sich weiter im Landtag mit dem Projekt „Nebendiagnose Demenz im Krankenhaus“ beschäftigen?

Es ist geplant, dieses Thema - zunächst in und mit der CDU-Fraktion - noch in diesem Jahr in einem Fachgespräch zu erörtern. Diese Veranstaltung hat zwei Zielrichtungen: einmal in die eigene Fraktion hinein, um das Bewusstsein zu schaffen, dass hier Handlungsbedarf besteht.
Man weiß zwar, dass es geriatrische Abteilungen gibt, man weiß, dass es psychiatrische Abteilungen gibt, man weiß, wie viele Betten es sind. Man kennt Zahlen, aber selten die Notlage dahinter. Zum anderen werden wir Experten und Vertreter der Krankenhäuser einladen. Ich möchte, dass die Situation der Patienten mit Nebendiagnose Demenz im Krankenhaus mehr Beachtung findet, dass nicht mehr nur diskutiert wird, sondern konkrete Schritte hin zu einer Verbesserung der Situation unternommen werden.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Cornelia Benninghoven

 

Interview Demenz im Krankenhaus
YouTube Beitrag vom 08.10.2013 Blickwechsel Demenz. NRW. Förderung der Umsetzung demenzsensibler Versorgungsprojekte im Krankenhaus [Mehr]


 
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