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Demenzkranke und (künstliche) Ernährung

Eine Thesensammlung

1. Wenn Patienten zu wenig essen, muss zunächst ermittelt werden, warum das so ist.
Unzureichende Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme kann viele Ursachen haben, z.B.: ein schlecht sitzendes oder fehlendes Gebiss, Schluckstörungen, Medikamente, die Übelkeit erzeugen, Schmerzen eine kognitive Einschränkung, die dazu führt, dass der Patienten das Essen nicht als Essen erkennt, oder eine motorische Einschränkung. Der individuellen Ursache entsprechend können dann Maßnahmen ergriffen werden, um eine möglichst selbständige Nahrungsaufnahme zu unterstützen.

Weitere Informationen zum Thema "Nicht-Essen" von Christian Kolb

2. Menge der Flüssigkeit und der Ernährung an Standards und am jeweiligen Patienten ausrichten
Der Ernährungszustand von Bewohnern in Pflegeheimen wird in der Regel nach BMI erfasst und es gibt eine Mindestmenge für die Flüssigkeitszufuhr. Diese Standards berücksichtigen häufig jedoch die individuelle Statur und die Gewohnheiten der Menschen nicht und sind nicht altersbezogen. So gibt es beispielsweise Menschen, die immer schon ein sehr niedriges Körpergewicht hatten oder die generell sehr wenig trinken, die aber bei intakter Nierenfunktion damit auch gut leben können. Das akzeptiert bei entsprechender Begründung auch der MDK bei einer Prüfung.

3. Biographische Arbeit hilft, aber nicht immer
Das frühere Lieblingsessen bzw. die Essgewohnheiten von Demenzkranken zu kennen kann dabei helfen, ein Essen anzubieten, dass von den Patienten auch gegessen wird.
Es gibt aber auch Fälle, in denen sich das Geschmacksempfinden inzwischen so verändert hat, dass diese Speisen nicht mehr schmecken.

4. Personalmangel in Einrichtungen erschwert die individuelle Unterstützung beim Essen
Die notwendige individuelle und ggf. zeitaufwändige Unterstützung beim Essen oder Trinken ist in Krankenhäusern nur schwer zu gewährleisten. Es kommt immer wieder vor, dass sich zur Essenszeit nur 2 bis 3 Pflegekräfte um bis zu 30 Patienten kümmern. Hier können gemeinsame Mahlzeiten mehrerer Patienten ggf. mit Unterstützung Ehrenamtlicher oder die Einbindung der Angehörigen hilfreich sein.

5. Patienten benötigen Zeit zum Essen
Wichtig ist es für viele Demenzkranke, dass ausreichend Zeit für die Mahlzeiten besteht. Nur so kann das Signal, dass es jetzt um das Essen geht, bei den Patienten ankommen. Außerdem kann es helfen, die Vorbereitung von Mahlzeiten spürbar zu machen: z.B. Geschirr klappern, Essensgeruch.

6. Es muss alles versucht werden, um eine PEG zu vermeiden
Es gibt keine Hinweise darauf, dass eine PEG generell zu einer höheren Lebenserwartung und einer höheren Lebensqualität führen. Umgekehrt birgt die Ernährung über eine PEG für Patienten verschiedene Risiken, z.B. Infektionsrisiken, Übelkeit, Durchfall, und Nachteile, z.B. der Verzicht auf richtiges Essen, auf sozialen Kontakt bei den Mahlzeiten. Daher muss zunächst geprüft werden, welche Gründe dazu führen, dass ein Patient nicht isst. Erst wenn es keine abwendbaren Ursachen für das Nicht-Essen mehr gibt, sollte über eine PEG nachgedacht werden.

7. Eine PEG kann im Einzelfall eine gute Lösung sein

  • In mittleren und fortgeschrittenen Stadien der Demenz kann eine PEG eine gute Lösung sein, wenn der Patient oder der Betreuer dem zustimmt, keine andere terminale Erkrankung vorliegt, alle Versuche, den Patienten zum Essen zu bewegen gescheitert sind und sich daher der Ernährungszustand kritisch entwickelt. Dann ist eine PEG-Sonde der einzige Weg, um demenzkranken Patienten die notwendige Nahrung zuzuführen.
  • Die Entscheidung für Sondenernährung bei sterbenskranken Patienten mit weit fortgeschrittener Demenz wird in der Regel nicht empfohlen und bleibt eine Einzelfallentscheidung.
  • Auch bei bestehender PEG ist es sinnvoll, Essen und Trinken zusätzlich anzubieten.

8. Eine PEG muss keine Dauerlösung sein
Es ist durchaus möglich, dass Patienten nach einiger Zeit wieder in der Lage sind, selbständig zu essen. Dann kann die PEG-Sonde auch wieder entfernt werden.
Außerdem kann es passieren, dass ein dementer Patient immer wieder versucht, sich die PEG zu ziehen. Dies ist kein Grund, ihn zu fixieren. Sondern auch hier gilt es zunächst, die Ursachen zu erforschen: Ist die PEG unangenehm oder verursacht Schmerzen? Lehnt der Patient eine PEG ab (mutmaßlicher Wille)? Ggf. müssen dann Alternativen zur Sondenernährung geprüft werden.

9. Maßgeblich für die Entscheidung ist der (mutmaßliche) Wille des Patienten
Für die Entscheidung ist der Wille des Patienten maßgelblich. Ist der Patient nicht mehr einwilligungsfähig, sollte dann mit den Angehörigen überlegt werden, was der mutmaßliche Wille des Patienten ist und wie man ihm gerecht werden kann.

10. Bei nicht einwilligungsfähigen Patienten Entscheidung für oder gegen eine PEG teilen
Die Entscheidung für oder gegen eine PEG sollte nicht bei einer Person liegen. Vielmehr sollte der behandelnde Arzt den Patienten und ggf. die Angehörigen ausführlich über den Eingriff, die möglichen Komplikationen und Alternativen aufklären. Dann sollte mit den Angehörigen überlegt werden, wie man dem mutmaßlichen Willen des Patienten gerecht werden kann. Außerdem kann der Hausarzt, der den Patienten länger kennt, u.U. wichtige Erfahrungen einbringen. Lebt der Patient in einem Pflegeheim, sollte das Pflegepersonal in die Entscheidung einbezogen werden.
Wenn der Fall eintritt, dass ein dementer Patient mehrfach versucht, sich die PEG zu ziehen, sollte das als Äußerung seines mutmaßlichen Willens verstanden und Alternativen zur Sondenernährung erwogen werden. Der Patient sollte nicht fixiert werden.

Kriterien für sinnvolle PEG-Sonden von Christian Kolb

  • Das Anlegen der PEG-Sonde orientiert sich am mutmaßlichen Willen des Patienten (und der Lebensqualität)
  • Es wurden vorher alle Maßnahmen versucht, um den dementen Menschen zum Essen und Trinken zu bewegen
  • Ernährungsprobleme werden frühzeitig aufgedeckt und eine Sondenernährung wird eingeleitet, so lange der Betroffene noch ausreichend körperliche Ressourcen hat und die Mangelernährung sich nicht manifestiert hat
  • Eine PEG-Sonde bedeutet nicht einen Ausschluss aus dem sozialen Leben und den alltäglichen Gewohnheiten. Es muss eine weitere Telnahme an den gewohnten Mahlzeiten ermöglicht werden, sowie eine orale Nahrungszufuhr gegebenenfalls durch Basale Stimulation sicher gestellt sein
  • Andere Erkrankungen, nicht nur die Demenz müssen in die Entscheidung mit einfließen. Denn bisher gibt es keinen Anhalt dafür, dass eine Demenz für eine Lebenszeitverkürzung verantwortlich ist. Wesentlicher bedeutender sind hier die Komorbiditäten, bzw. das Stresserleben aufgrund der demenzbedingten Beeinträchtigungen ( vgl. Wojnar, 2005).
  • In den Fällen, in denen eine Sondenernährung erforderlich ist, ist darauf hinzuwirken, dass eine bedarfsgerechte Ernährung gewährleistet wird und keine pauschale Kaloriengabe von z.B. 1000 kcal.
  • Ein kompetentes Umfeld, welches bereit ist darüber nachzudenken, wann eine weitere Ernährung über eine PEG-Sonde nicht mehr dem Willen des Betroffenen entspricht, bzw. die Belastung der Ernährung unter palliativen Aspekten kontraindiziert ist.

Quelle: http://nahrungsverweigerung.de/kuenstliche-ernaehrung/

 

Interview Demenz im Krankenhaus
YouTube Beitrag vom 08.10.2013 Blickwechsel Demenz. NRW. Förderung der Umsetzung demenzsensibler Versorgungsprojekte im Krankenhaus [Mehr]


 
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