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Wie organisieren wir die Pflege demenzkranker Patienten im Krankenhaus?

Eine Thesensammlung

1. Primary Nursing ist eine gute Voraussetzung, um demenzkranke Menschen patientenorientiert versorgen zu können.
Primary Nursing ist ein in den USA entwickeltes und von der Pflegewissenschaftlerin Mary Manthey beschriebenes Pflegeorganisationskonzept. Im deutschsprachigen Raum werden synonym die Begriffe Bezugspflege oder Primärpflege gebraucht.
Primary Nursing verfolgt folgende Ziele:
1. „Förderung von Sicherheit und Vertrauen von Patienten und Angehörigen durch die spürbare Gesamtverantwortung eines informierten Ansprechpartners.
2. Individuelle, umfassende und kontinuierliche Pflege
3. Eindeutige Zuständigkeit, Verantwortung, Rechenschaftspflicht und damit einhergehende Autonomie der Pflegenden
4. Optimierung der Behandlungs- und Betreuungsprozesse durch intraprofessionelle und interdisziplinäre Kooperation sowie direkte, klare Kommunikationswege.“ Netzwerk Primary Nursing (2003): Primary Nursing: Glossar wichtiger Begriffe.
Demenzkranken Patienten können ständig wechselnde Pflegekräfte nicht zugemutet werden, sie brauchen einen klaren Ansprechpartner. Die Gruppe der Mitarbeiter, die demenzkranke Patienten pflegt, sollte möglichst klein und in ihrer Zusammensetzung konstant sein.

2. Zentraler Aspekt des Primary Nursing ist die Verantwortung für einen Patienten von der Aufnahme bis zur Entlassung.
Im Primary Nursing versorgen Pflegekräfte „ihre Patienten“. Sie tragen die Planungs-, Entscheidungs-, Durchführungs- und Kontrollverantwortung für die Pflege, wissen um diese Verantwortung und füllen sie auch aus. Dadurch ändert sich die tägliche Pflege. Sie orientiert sich an den Bedarfen „meines“ Patienten und nicht primär an den Vorgaben der Organisation. Mit der eindeutigen Verantwortungsübernahme erhalten Pflegende Autorität und Autonomie für ihre Aufgaben. Sie können professionelles Selbstbewusstsein entwickeln.

3. Die Verschiebung von Verantwortungen muss von allen mitgetragen werden.
Die Einführung des Primary Nursing muss von den Stationsleitungen und den Primär Pflegenden mitgetragen werden, da sich bei beiden die Rollen ändern: die Stationsleitung muss pflegerische Verantwortung und Kompetenzen an die Primary Nurses abgeben und managementbezogene Verantwortung und Kompetenzen übernehmen. Und die Pflegekräfte müssen bereit und in der Lage sein, diese zusätzliche Verantwortung zu tragen. Nur wenn alle Beteiligten – und dazu gehören auch die Stationsärzte - diese Veränderung wollen, kann die Einführung von Primary Nursing gelingen.

4. Primary Nursing kann durch funktionale Pflegeanteile ergänzt werden.
Wenn wir versuchen, das Konzept des Primary Nursing auf alle denkbaren Tätigkeiten der Pflege im Krankenhaus umzusetzen, werden wir scheitern. Wir müssen überlegen, wie wir die Primärverantwortung für den Pflegeprozess in Form des Primary Nursing organisieren können und andere Aufgaben der Pflege funktional organisiert lassen können.
Primary Nursing und funktionale Pflege lassen sich ergänzend organisieren, wenn die Primary Nurse die Aufgabe hat, die pflegerische Versorgung von der Aufnahme bis zur Entlassung verantwortlich zu organisieren ohne alle Tätigkeiten selbst durchzuführen. In der Durchführung kann sie durchaus durch andere Pflegekräfte, die Pflegeüberleitung etc. unterstützt werden.

5. Unterschiedliche Arbeitsweisen erfordern unterschiedliche Formen des Primary Nursing.
Da es in jeder Fachabteilung andere Anforderungen an die Pflege gibt, z.B. durch unterschiedliche durchschnittliche Liegezeiten, andere Formen der Arbeitsteilung zwischen Ärzten und Pflegekräften oder andere Formen der Arbeitszeitorganisation, muss jedes Krankenhaus und jede Abteilung ein eigenes Modell des Primary Nursing entwickeln.

6. Zusätzliche Aufgaben in der Betreuung älterer demenzkranker Patienten müssen sich an den Kernaufgaben des Krankenhauses orientieren.
Zusätzliche Aufgaben im Krankenhaus wie z.B. die Organisation eines tagesstrukturierenden Betreuungsangebotes für ältere, demenzkranke Patienten können nur unter der Maßgabe der Erfüllung der Kernleistungen des Krankenhauses eingeführt werden. Wir müssen uns an jeder Stelle fragen, was diese oder jene Ergänzende Maßnahme damit zu tun hat, dass hier ein Patient medizinisch und pflegerisch versorgt wird.

7. Zusätzliche Aufgaben in der Betreuung älterer demenzkranker Patienten sind kein Luxus, wenn sie die Versorgung maßgeblich verbessern.
Wenn tagesstrukturierende Angebote oder Orientierungshilfen oder eine andere Haltung der Pflegekräfte oder ein Primärpflegesystem dazu führen, dass demenzkranke Patienten sich bereitwilliger behandeln lassen, es weniger Ereignisse von herausforderndem Verhalten gibt und weniger Fixierungen oder Sedierungen notwendig sind, sind diese Maßnahmen gerechtfertigt und kein Luxus.

8. Eine gute Versorgung demenzkranker Patienten bedarf auch eines klar benannten Ansprechpartners auf der ärztlichen Seite.
Ohne einen motivierten und informierten Stationsarzt, der sich die besonderen Anforderungen an die Versorgung demenzkranker Patienten zu Eigen macht, werden die Veränderungen im pflegerischen Bereich nur bedingt wirksam.

9. Größtmögliche Kontinuität in der pflegerischen Versorgung ist ökonomisch sinnvoll.
Größtmögliche Kontinuität in der pflegerischen Versorgung ist ökonomisch sinnvoll, z.B. weil die Behandlungsstrategie nicht immer wieder neu erfunden werden muss, weil Übergaben schneller zu bewerkstelligen sind oder weil Doppelarbeit vermieden wird.

10. Pflegekräfte können einen Teil der Demenzdiagnostik übernehmen.
Pflegekräfte können einen Teil der Demenzdiagnostik übernehmen, wenn sie entsprechend qualifiziert sind, die Zeitressource zur Verfügung steht und es eine klar definierte Aufgabenteilung zwischen Pflegekräften und Ärzten gibt.

11. Interne und externe Vernetzungen sind notwendig für eine patientenorientierte Anpassungen der Pflegeorganisation.
Patientenorientierte Anpassungen der Pflegeorganisation z.B. durch Elemente des Primary Nursing oder tagesstrukturierende Angebote machen eine bessere interne und externe Vernetzung der Tätigkeiten erforderlich. Dazu gehören bessere Vernetzung zwischen Funktionsabteilungen, Berufsgruppen, Stationen etc. im Krankenhaus genauso wie Kooperationen mit Pflegeeinrichtungen, Ehrenamtlichen, etc.

12. Voraussetzung für eine gute Versorgung älterer demenzkranker Patienten im Krankenhaus ist die fachliche Qualifikation von Pflegenden und Ärzten.
Die Behandlung, Betreuung und Pflege demenzkranker Patienten erfordert zusätzliche Qualifikationen und Kompetenzen. Dazu gehören medizinische, gerontopsychiatrische und psychologische Kenntnisse genauso wie Fortbildungen in Konzepten der Kommunikation mit demenzkranken Menschen.

13. Die Einrichtung von Schwerpunktstationen unterstützt und erleichtert die Verbesserung der Versorgung demenzkranker Patienten.
Die Einrichtung von Schwerpunktstationen begünstigt die Einführung neuer pflegerischer Konzepte und Organisationsformen, die gezielte Fortbildung des dort tätigen Personals, den Einsatz von zusätzlichen Hilfskräften und anderes mehr. Auch die räumliche Ausstattung mit Desorientiertensystemen und elektronischen Weglaufschutz etc. ist eher zu realisieren.

 

Interview Demenz im Krankenhaus
YouTube Beitrag vom 08.10.2013 Blickwechsel Demenz. NRW. Förderung der Umsetzung demenzsensibler Versorgungsprojekte im Krankenhaus [Mehr]


 
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