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"Grundhaltung im Umgang mit Personen mit Demenz", Dr. Christiane Bonhage, Psychiaterin, Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke

Aus anthroposophischer Sicht ist der Kern des Menschen die Persönlichkeit, für die der Körper ein Werkzeug darstellt, das ihm über die Sinnesorgane die Wahrnehmung seiner Umwelt ermöglicht, über die Muskulatur, die Bewegung u.s.w. In diesem Zusammenhang ist auch das Gehirn ein Werkzeug, nicht mehr und nicht weniger.

Jemand mit einer typischen Alzheimerdemenz hat immer weniger Erinnerungen an die Vergangenheit und verliert immer mehr den Kontakt zur eigenen Geschichte und Identität. Man muss sich das wie Schleier vorstellen, die sich vor das Bewusstsein des Erkrankten legen und uns und den Betroffenen selbst den Blick auf ihre Persönlichkeit zunehmend erschweren. Das macht den zwischenmenschlichen Kontakt sehr schwer aber nicht unmöglich.

Fragen, die ich mir im Kontakt mit einem demenzkranken Menschen stellen kann:
• Was war diesem Menschen in seinem Leben bisher wichtig? Wofür konnte er sich begeistern? Wofür hat er sich eingesetzt? Was hat er in der Welt bewirkt?

• Welche Fähigkeiten und Ressourcen hat dieser Mensch zurzeit und welcher Wert liegt darin? So ist beispielsweise bei manchen Menschen mit einer Demenz die Sensibilität für die Stimmung und die Gefühle unseres Gegenübers vermehrt ausgebildet.

• Welche Funktion hat eine aktuelle Verhaltensweise für diesen Menschen? Die Handlungen des Menschen mit Demenz sind in seinem Vorstellungsgebäude folgerichtig und zielführend, auch wenn sie aus unserer Perspektive nicht so erscheinen.

Betrachten wir hierzu das in der kognitiven Verhaltenstherapie viel benutzte Dreieck aus Denken, Fühlen und Handeln für uns selbst.
Im Denken können wir uns klar machen, dass wir den Perspektivwechsel zwischen der für uns existenten Welt und der des an Demenz erkrankten Menschen vollziehen können. Wir können dem Erkrankten im ersten Schritt in seiner Welt begegnen und ihn danach manchmal auch langsam in unsere gemeinsame mitnehmen.

Wir können unser Verhalten so reflektieren, dass wir uns nicht auf Kosten des Menschen mit einer Demenz groß, kompetent, sicher und selbstwirksam fühlen. Damit würden wir ihm die Rolle „klein hilflos, unsicher und selbstunwirksam“ zuweisen. Weil er sehr sensibel ist, wird ihn das empören. Er wird ablehnen, sich bevormunden zu lassen, sich über uns ärgern und darauf bestehen, dass wir ihn mit dem angemessenen Respekt behandeln.

Im Bereich des Fühlens können wir uns noch eines zur inneren Übung machen. Wir können versuchen aktiv nachzuempfinden, wie es sich anfühlen würde, wenn für uns die Vorstellungen des Menschen mit Demenz real wären.

So fordern Menschen mit Demenz uns auf, uns mit unseren eigenen Auffassungen und Vorstellungen von der Welt auseinanderzusetzen. Sie fordern uns auf Stellung zu beziehen, konsequent zu handeln und nicht im unverbindlichen „Vielleicht“ zu verharren. Sie fordern von uns ein dass wir unser eigenes Bewusstsein und unser Fühlen schulen und bedachtsam handeln. In diesem Sinne können wir sie als Bereicherung für unsere eigene Persönlichkeitsentwicklung empfinden.

 

Interview Demenz im Krankenhaus
YouTube Beitrag vom 08.10.2013 Blickwechsel Demenz. NRW. Förderung der Umsetzung demenzsensibler Versorgungsprojekte im Krankenhaus [Mehr]


 
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